Die Gärtnerin in Gummistiefeln

Ansprache Punkt 11-Gottesdienst am 23. Juli 2023 in Friedrichshafen

„Ja wie, möchtest du denn nicht mehr Pfarrerin sein?“ 

Doch, möchte ich. Immer noch, von ganzem Herzen und mit viel Begeisterung. Ich möchte eben nur auch noch etwas anderes sein. Ich will einen zweiten Beruf erlernen. Wieso auch nicht? Wir Menschen sind doch so wunderbar gemacht, wir können so vieles auf einmal sein! Paulus predigte auch und reparierte zum Geldverdienen Zelte.

Überall stoße ich auf Menschen, die sich mit mir freuen über den neuen Beruf und den neuen Weg, die mir alles Gute wünschen, die sehnsüchtig in ihre Vergangenheit blicken und sich fragen: „Was wäre gewesen wenn?“

Spulen wir weiter zurück, in den Herbst 2021: Da war ich gerade fertig mit meinem Praktikum in der Gärtnerei. Acht Wochen lang hatte ich Blumen angeschnitten, Blumenstängel abgestreift, hatte gekehrt und gewischt, angedrahtet und aussortiert. Ich war wie verzaubert von den Farben, Formen und Gerüchen um mich herum. Ich staunte mit offenem Mund, welche Kunstwerke die Floristinnen fertigten. Und nachdem ich, als eigentlich impulsiver Mensch, die Entscheidung lange mit mir herumtrug, stand dann fest: Ich möchte Floristin werden. 

Mutig nennen mich viele. Ja vielleicht. Ich kann aber auch mutig sein. Ich habe genug finanzielle Sicherheit, um mutig zu sein. Ich habe eine abgeschlossene Ausbildung in einem Beruf der nach Personal sucht und solide bezahlt wird. Da braucht es inneren Mut – aber keinen äußeren. Zu wissen, was man will, zu erkennen, was das richtige für einen selbst ist.

Ich möchte Pfarrerin sein und Floristin. 

Für mich hat das so unglaublich viel miteinander zu tun. 

Am offensichtlichsten: Beide Berufe berühren die Leben von Menschen an Übergängen. Wenn Babies geboren, Jugendliche konfirmiert, Paare gesegnet, Familien getröstet werden – wir sind da. Und die Blumen sind da. Und am allerwichtigsten: Gott ist da. 

Menschen vertrauen uns ihre Geschichten an – im Pfarrbüro genauso wie im Blumenladen. Dort manchmal sogar noch freier. 

Da wird erzählt, dass Sonnenblumen sein müssen für den Trauerschmuck, weil Opa am Tag vor seinem Tod die Sonnenblumen im Garten noch hochgebunden hat. 

Da wird ein stockendes und schwieriges Gespräch einfacher, als die Kinder die Rosen vehement ablehnen und endlich Worte für den Charakter der Mutter finden: „So etepetete, das hätte ihr gar nicht gefallen.“

Da werden Taufkränze bestellt, in denen jede Blüte für ein Familienmitglied steht.

Regenbogenfarbene Herzen ans Grab, weil die Familie so kunterbunt ist, dass man sich ohnehin nicht auf eine Farbe einigen kann.

Manchmal auch einfach so zwischendrin. Beim Gemüse einkaufen werden die Sorgen um die Enkel geteilt. Bei der Bestellung für einen besonderen Strauß erfahre ich viel über die beste Freundin, die wider Erwarten doch noch schwanger geworden ist. 

Wir sind umgeben von Leben, von Lebensgeschichten, jeden Tag, mit jedem Gesicht kommt auch eine neue Geschichte. 

Auch wenn ich über die ein oder andere Geschichte schmunzeln muss oder am liebsten laut schreiend rauslaufen würde – ich hüte diese Geschichten. 

So wie als Pfarrerin: Ich höre und ich bewahre auf. 

An diesem Selbstverständnis ändert nichts etwas – auch der Berufswechsel nicht. 

Ich hege die größte Bewunderung für meine Kollegin, die in unserem Laden die Gespräche mit Trauernden führt. Sie hat nie Seelsorge beigebracht bekommen – gelernt hat sie es sehr wohl. Durch jahrelange Übung und Erfahrung und durch ein hohes Maß an Empathie. Während der Gespräche ist sie so sensibel, so geduldig und freundlich, dass ich mit Überzeugung sagen kann: Sie ist Seelsorgerin. Manch Kirchentheoretiker hört das nicht gerne, von wegen Ausbildung, Grundlegung, und so weiter. Aber ich sage: Sie ist Seelsorgerin. Sie ist für diese Menschen da ohne Ansehen von deren persönlichen Befindlichkeiten und Meinungen, ohne Wertung über die Situation, in der sich die Familie befindet und immer, immer, immer gewurzelt im Gebot der Nächstenliebe. 

Und wie für meine Kollegin ist auch für mich die Wurzel von all dem mein Gott, der mich gepflanzt hat. An diesen Ort in dieser Zeit. Der mich umgetopft hat, der aus einer ausgewachsenen Palme wieder einen kleinen Spross gemacht hat, damit ich nochmal etwas neues lerne – wofür wird es wohl gut sein? 

Ich spüre meinen gärtnernden Gott vor allem in diesen Dingen. An welchem Ort tue ich was und warum? Es zog mich auf einmal hin zur Floristik, obwohl ich nie zuvor darüber nachgedacht hatte – wofür wird das wohl gut sein? Ich bin fest davon überzeugt, hier die Gummistiefelabdrücke meiner Schöpferin zu erkennen. 

Wie schreibt der Apostel Paulus (der mit den Zelten, Sie erinnern sich): „Ich habe gepflanzt, Apollos hat gegossen. Aber Gott hat es wachsen lassen.“ Genau wie mein restliches Ich, mein restliches Sein, ist auch mein Glaube etwas, das gesät wurde, das jemand wachsen lässt. So wie ich gepflanzt und umgetopft wurde, so ist auch mein Glaube an die Gärtnerin und meine Erkenntnis ihrer Spuren nicht meine eigene Leistung.

Und diese Erkenntnis ist wie die Wurzel einer Buche – sie reicht tief und ist durch wenig zu erschüttern. Dafür bin ich dankbar, sehr sogar. Denn das bedeutet, dass ich durch Krisenzeiten durchgekommen bin, ohne vollends den Halt zu verlieren und das ist mehr als viele von sich sagen können.

Der Glaube hingegen…der hat schon so manche Dürreperiode hinter sich. Welcher Glaube hat das nicht? 

Wenn wir das Bild von Paulus weiter verfolgen, dann ist eines sehr deutlich: Ob etwas wächst oder nicht, ob etwas gerade und normschön oder verkrümmt und verschlungen wächst, das liegt nicht in unserer Hand. Ist das denn so schlimm?

Ich würde sagen: Nein. Das gehört dazu. Zweifler*innen sind in der Bibel so zahlreich, ich weiß gar nicht, wo anfangen. Mose hadert, Jona flüchtet, Petrus versinkt, die Jünger glauben nicht. 

Wenn wir Menschen einen Garten anlegen, wünschen wir uns, dass er etwas wird. 

Und wenn wir den Glaubensgarten anlegen, wünschen wir uns auch, dass er etwas wird.

Was soll er denn werden? Ertragreich? Was wäre das denn? Besonders viele Gottesspuren im Leben? Viele Menschen, die auf der eigenen Beerdigung sagen: „Ja, sie war eine wirklich fromme Frau.“?

Mein Glaubensgarten muss nicht ertragreich sein. Er bringt hervor, was er hervorbringt – alles kann, nichts muss. Denn: Ich kann gießen so viel ich möchte. Solange Gott nichts wachsen lässt – passiert nichts. Ich vertraue Gott meinen Glaubensgarten an. 

Was soll der denn werden? Wunderschön? Wie sieht denn schöner Glaube aus? 

Nehmen wir einmal die Apfelbäume, die es bei mir daheim und hier zahlreich gibt. Ein Apfelbaum, besonders ein alter, ist kein besonders schöner Baum. Die Rinde ist zerfurcht, die Äste krumm, der Stamm meistens auch, knubbelig noch dazu und die Blätter sind weder besonders sanft noch wachsen sie schön in Reih und Glied.  Und gerade das ist es, was mich dazu bringt zu sagen: Und ob ein Apfelbaum schön ist! Man sieht ihm an, was er schon alles hervorgebracht hat – und was er getragen hat. Ich bin überzeugt: Diese Schönheit braucht mein Glaubensgarten. Eine, deren Geschichte und deren Mühen man sehen, fühlen kann. Mein Glaube ist nicht perfekt und wird es nie sein. Er ist schön, weil er mein Leben abbildet: alles helle und schöne und alles dunkle und knorrige. 

Gott lässt wachsen – auf ihre Art. 

Wie soll er denn werden? Besonders ordentlich und unkrautfrei?

Da jubiliert das schwäbische Herz, alles an Ort und Stelle, bloß kein Unkraut, bloß kein Durcheinander! Ich sage es ja nur ungern, aber: Unkraut ist eine Frage der Perspektive. Löwenzahn wächst immer da, wo er nicht wachsen soll – und ist eine Bereicherung für jeden Salat. Eine Pflanze (deren Namen ich vergessen habe) wird von Landwirt*innen auf Futterwiesen verabscheut, kann aber ein hervorragender Werkstoff für eine Floristik-Prüfung sein. 

Ich lass in meinem Glaubensgarten einfach mal wachsen. Manches sortiere ich ein bisschen – vielleicht in „absolut überzeugend“, „manchmal überzeugend“ und „total untauglich“. Manches wandert durch diese Kategorien, ist heute im einen Beet und in drei Jahren in einem anderen. Manches ist hartnäckig wie Giersch und ich werde es einfach nicht los. Dann zucke ich mit den Schultern und lasse es erst einmal wachsen. Denn: Ich pflanze, ich gieße – aber Gott lässt wachsen.

Amen.

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