4Aber als die Zeit gekommen war,
sandte Gott seinen Sohn.
Er wurde von einer Frau geboren
und war dem Gesetz unterstellt.
5Dadurch wollte Gott alle freikaufen,
die dem Gesetz unterworfen waren.
Auf diese Weise wollte Gott uns als seine Kinder annehmen.
6Weil ihr nun seine Kinder seid,
hat Gott den Geist seines Sohnes
in unsere Herzen gesandt.
Der ruft: »Abba, Vater«!
7Du bist also kein Sklave mehr,
sondern ein mündiges Kind.
Wenn du aber Kind bist, dann bist du auch Erbe.
Dazu hat Gott dich bestimmt.
Ich werde einmal erben.
Ein Haus, vielleicht auch zwei, die Grundstücke dazu, eventuell Geld.
Und das alles nur, weil sich die zwei, drei Generationen vor mir etwas erarbeitet haben. Ich habe nichts dafür getan. Gar nichts.
Wir haben auch ein Grundstück schon geschenkt bekommen, Geld noch dazu. Geschenkt bekommen, jawohl. Schon wieder haben wir dafür nichts getan. Nichts gearbeitet, nichts aufgegeben, nichts gespart.
Ganz ehrlich: Ich habe mich geschämt. Ich habe mich für die Summe geschämt, die wir geschenkt bekommen haben, für jeden einzelnen Quadratmeter. Und ich schäme mich, zuzugeben, was zu meinem Erbe dazugehört. Wir scherzen zwar manchmal, dass ich nur geheiratet wurde, weil ich Erbin bin – in Wahrheit läuft mir aber ein Schauer über den Rücken.
Sie denken jetzt vielleicht: Was hat sie denn, soll sie doch froh sein. Für Geld muss man sich doch nicht schämen.
Doch. In diesem Fall muss ich das und ich verstehe auch nicht, wie man sich NICHT schämen kann. Hätte ich mir zwei Häuser, drei Grundstücke und eine ordentliche Summe Geld selbst verdient und erarbeitet, dann würde ich damit hausieren gehen. Ich werde sie aber erben. Und das ist das Problem.
Denn erben ist in Deutschland eine zutiefst ungerechte Angelegenheit.
Beinahe alle Menschen, die in Wohlstand leben, haben sich ihr Vermögen nicht erarbeitet, sondern haben es von ihren Eltern und Großeltern vererbt bekommen.
Vermögen wird in unserem Land nicht nach Leistung verteilt, sondern durch die Familie. Menschen wie mir wird viel geschenkt, aufgrund meiner familiären Situation. Ich erbe nicht nur Grundstücke, Häuser und Geld, sondern auch Möglichkeiten. Mir rutscht nicht das Herz in die Hose, wenn mein Auto kaputt geht. Ich kann mir eine Zukunft malen mit Eigenheim und relativem Wohlstand, kann mich nach sieben Jahren Studium entschließen, nochmal eine Ausbildung zu machen. Ich kann Pläne machen, ich kann träumen, ich kann daran arbeiten, dass diese Träume wahr werden.
Andere Menschen können das alles nicht. Ihnen wird nichts geschenkt. Weder Geld noch Grundstücke noch Häuser noch Möglichkeiten. Ihnen bleibt das, was sie sich erarbeiten und wenn man mal genauer rechnet, ist das für die allermeisten nicht besonders viel.
Es dauert in Deutschland ungefähr sechs Generationen, bis sich Menschen aus Armut befreien können. Sechs. Generationen. Das sind meine Urururgroßeltern. Geboren vermutlich so Anfang des 19. Jahrhunderts. Sechs Generationen.
Wer nichts hat, der kann auch nichts ansparen. Wer nichts anspart, kann auch nichts vererben. Und die nächste Generation fängt wieder bei null an. Die nächste Generation hat keine Möglichkeiten, kann zwar träumen, muss aber davon ausgehen, dass diese Träume genau das bleiben: Träume. Unerreichbar fern, utopisch, aberwitzig. Arme Menschen blicken sorgenvoll und ängstlich in die Zukunft, während ich sie zuversichtlich anschauen kann.
Und jetzt schreibt Paulus, dass auch Gott etwas vererbt. Na klasse.
7Du bist also kein Sklave mehr,
sondern ein mündiges Kind.
Wenn du aber Kind bist, dann bist du auch Erbe.
Dazu hat Gott dich bestimmt.
Wir sind dazu bestimmt, Erbinnen zu sein. Und warum? Weil wir Gottes Kinder sind. Und wir werden das immer sein, egal wie unser Verhältnis zur Schöpferin sich veränden wird. Egal, ob wir uns lossagen, ob wir Gott ignorieren oder ob wir skeptisch sind. So wie wir alle zwangsläufig biologische Kinder zweier Elternteile sind. An dieser Tatsache, am Kind-Sein, wird sich unser Leben lang nichts ändern. Gäbe es die Eltern nicht, gäbe es auch keine Kinder. Gäbe es Gott nicht, gäbe es auch keine Gotteskinder.
Und wir sind keine Sklavinnen und Sklaven mehr.
Wir sind keine Sklavinnen des Gesetzes mehr wegen heute. Wegen diesem Moment, in dem das Unendliche und das Endliche zusammenfinden und ein Kind geboren wird, das Christus, der Herr ist. Ein Kind, so menschlich wie es nur geht. Gottes Sohn, so göttlich wie es nur geht. Und dieses Kind, dieser winzige Mensch sorgt dafür, dass wir befreit sind. Frei zur Liebe zueinander, frei, um einander zu verzeihen, frei um einander nahe zu sein. Wir sind keine Sklavinnen mehr, die hassen, nachtragen, verwünschen, zornig sind. Und wenn wir es einmal sind, weil das nur menschlich ist, dann können wir zu diesem Kind schauen und wissen: Ich kann auch anders. Ich bin geliebt, mir wurde verziehen, mir ist jemand nahe – dann kann ich das auch.
Wir sind keine Sklavinnen mehr, sondern Kinder. Kinder und Erbinnen, mündige Menschen, sagt Paulus. Menschen, denen man ein Erbe auch anvertrauen kann.
Das schöne daran, von Gott etwas zu erben ist: Es geht gerecht zu.
Ja, auch bei Gott müssen wir nichts gearbeitet, nichts gespart, nichts getan haben. Wir sind Erbinnen, einfach so. Ohne Gegenleistung.
Bei Gott zählt der Genpool [MS1] aber gar nichts. Gott vererbt alles an alle – es ist genug, so wie drei Brote und fünf Fische für tausende ausreichten. Niemand geht leer aus. Alle bekommen das, was sie brauchen. Alle halten gleich große Anteile an der Gottesreich AG, egal ob sie besonders fromm oder besonders angestrengt nächstenliebend waren.
Und um dieses Erbe zu verteilen, verbindet Gott seine Unendlichkeit mit der Endlichkeit dieser Welt. Das Kind in der Krippe, dieser wehrlose Sohn, er tritt an, um den Menschen dieses Erbe zu schenken. Er erzählt von einer Welt, in der es allen gleich gut geht. In der die Reichen etwas abgeben und die Armen mehr bekommen. Er erzählt von einem Gott, der nahe ist, der zuhört, der uns ein Elternteil sein will statt nur ein ferner Gott auf einer Wolke. Er heilt Menschen körperlich und seelisch und zeigt ihnen diese neue, diese mögliche Welt.
Das ist unser Erbe. Der Anteil an der Gottesreich AG, die Verantwortung, weiterzubauen, weiterzusagen, weiterzugeben.
Denn wie die Popkultur schon lange weiß: Mit großer Macht kommt große Verantwortung. Und dieses Erbe ist mächtig. So mächtig, dass es durch alle Zeiten an vielen Orten Menschen ängstlich und panisch werden ließ. Die Botschaft vom Kind in der Krippe, von einer Welt, in der alle gleich mächtig und gleichberechtigt sind, die hat so manchen reichen Mann, so manchen Staatslenker panisch werden lassen. Und sie hat die Macht, Hoffnung wachsen zu lassen, wo alles so dunkel und hoffnungsleer erscheint. Über die Jahrtausende hinweg hat dieses Erbe Menschen getragen, Menschen ermutigt, befähigt, empowert, getröstet.
Unser Erbe ist nicht nur die Botschaft von einem Gott, der klein, schrumpelig und krähend in einer Krippe liegt. Sondern auch all die Geschichten von all den Menschen, die das Erbe vor uns angetreten haben.
Das kleine Kind, in einem kleinen Stall, in einer kleinen Stadt in einem kleinen Land – das ist der rote Faden durch die Zeit, verwoben mit unseren Geschichten und Liedern, mit unseren Dunkelheiten und unseren Sonnenzeiten, mit unseren Vorfahren und unseren Nachkommen.
Das Erbe Gottes ist nichts, was kleiner wird, wenn man es verschenkt.
Das Erbe Gottes ist nichts, was verschwindet, wenn man eine falsche Entscheidung trifft.
Das Erbe Gottes erhält nicht erst jemand in sechs Generationen, sondern wir erhalten es hier und heute und an jedem Tag, der noch kommen wird.
Das Erbe Gottes ist das Geschenk, verwoben zu sein mit ihm, mit den Menschen um uns, vor uns und nach uns.
Amen.
Hinterlasse einen Kommentar