Die Umzugshelferinnen

Sie kennen das bestimmt: Der Moment, in dem man aufwacht und kurz auf der Schwelle zwischen Traum und Realität, zwischen schlafen und wach sein, stehen bleibt.

Manchmal spürt und denkt man da Dinge, die gar nicht wirklich sind.

Nicht erst einmal bin ich mit Tränen in den Augen aufgewacht, weil in meinem Traum gerade etwas trauriges passiert war und ich das Gefühl nicht sofort abschütteln konnte. 

Oder einmal hatte ich im Traum einen Sack Kartoffeln in die Hand gedrückt bekommen und hielt diesen fest. Als ich aufwachte, war ich mir sicher, eben diesen Sack Kartoffeln in der Hand zu halten. Ich spürte sein Gewicht, hielt meine Arme noch in genau der Haltung, wie ich sie im Traum angewinkelt hatte.

Wenn wir einschlafen oder aufwachen, dann überschreiten wir eine Grenze. Und diese Grenze, die ist für Menschen zu allen Zeiten faszinierend gewesen und ist es noch. Warum träumen wir? Und wovon träumen wir? Diese Frage ist auch in der Wissenschaft umstritten und nicht eindeutig geklärt. Das Verarbeiten von erlebten und erfühlten Situationen steht hoch im Kurs, genauso wie die „Erwachsenwerdung“ des Gehirns. Vielleicht haben Träume neurobiologisch gesehen aber auch einfach gar keine Funktion und sind ein evolutionäres Überbleibsel, das keinen tieferen Zweck erfüllt.

Fest steht aber, dass wir träumen.

Und dieser Zustand, in dem wir etwas erleben ohne uns zu bewegen oder gar wach zu sein, der ist faszinierend. Im Traum ist alles möglich – fliegen, unter Wasser atmen, verstorbene Personen treffen, in die Zukunft sehen, andere Welten erkunden und noch so viel mehr.

Die Begrenzungen der echten, der realen Welt, gelten nicht länger. 

Vielleicht ist es gerade das, was Menschen zu allen Zeiten an allen Orten glauben ließ, dass Träume etwas mit der göttlichen Sphäre zu tun haben. Dieser Zwischen-Raum zwischen göttlicher und menschlicher Sphäre, der scheint besonders gut für göttliche Kommunikation geeignet zu sein. 

Denken wir an all die Beispiele aus der Bibel:

Joseph, der von sich verneigenden Garben träumt und seine Brüder so gegen sich aufbringt.

Jakob, der im Traum einen besonderen, einen göttlich berührten Ort erkennt und Engel über eine Leiter in den Himmel steigen und von dort herabkommen sieht.

Daniel, der im Traum den Traum Nebukadnezars erfährt und ihn deuten lernt.

Josef, der seine Pläne, Maria zu verlassen, über den Haufen wirft, als ihm im Traum die ganze Sache mit der Schwangerschaft und dem Gottessohn erklärt wird.

Nicht alle können schließlich einem brennenden Dornbusch begegnen.

Und diese Träume, diese göttlichen Botschaften, enthalten auch immer eine Einblick in das, was Gott zu tun gedenkt oder was er getan hat.

In Ägypten gibt es eine Hungersnot, später auch bei Jakob und seiner Familie.

Gott sagt Jakob, dass er ihn nicht verlassen hat, sondern weiter begleitet.

Nebukadnezar erhält einen Blick in die Zukunft großer Reiche, die Gott zerstören will.

Josef bekommt erklärt, was es mit Maria und dieser Schwangerschaft auf sich hat.

In den Träumen sind also nie Menschen die Hauptfiguren, sondern es geht um das, was Gott vorhat. Mit oder gegen sie, aber die Menschen sind nie die Handelnden, erscheinen vielleicht sogar nur als diffus umrissene Gruppe. Gott ist der Chef. Gott bestimmt. Gott macht. Gott hilft. Gott zerstört. Gott rettet. Die Menschen werden zum Tun angeleitet, damit Gottes Plan erfüllt wird. Schauen Sie sich die Josephsgeschichte mal näher an: Joseph, der Titelgeber der Geschichte, ist eigentlich eine ziemlich passive Figur. Erst in Ägypten nimmt er eine wirklich aktive Rolle ein (es bleibt ihm als Politiker auch gar nichts anderes übrig). Erst beim Zusammentreffen mit seinen nichtsahnenden Brüdern greift er wirklich in die Handlung ein. 

Und hier sind die Brüche, die ich so stark spüre, wenn es um Träume in der Bibel und Träume heute, im hier und jetzt geht.

Der erste:

Wenn wir von „träumen“, „erträumen“ oder „Traum erfüllen“ sprechen, dann geht es selten um prophetische Einblicke, die wir erhalten während wir schlafen.

Wir sprechen vom Traum als einem Wunsch oder Ziel, das erreicht oder der erfüllt werden soll. 

Ein Traum ist das, was noch nicht Realität ist. Etwas, was noch in unserem Kopf hängt, mal groß, mal klein, aber eben nur dort. „Das ist alles nur in meinem Kopf“, singt Andreas Bourani.

Ich habe auch so einen Traum.

Ich träume von einem Ort, an dem Menschen über Blumen und Kaffee zusammenkommen.

An dem sie Blumen binden, aber auch über die großen Fragen des Lebens sprechen.

An dem sie Gemeinschaft erleben können, aber auch nur Blumen kaufen.

An dem sie ein offenes Ohr finden, aber auch nur ein Stück Kuchen.

An dem sie sein können, wie sie sein möchten und dabei sicher und angenommen sind.

An dem Kreativität gelebt und weitergegeben wird, an dem neue schöne Dinge gelernt und alte hässliche verlernt werden.

Von so einem Ort träume ich. 

Und bis jetzt sind nur klitzekleine Fitzelchen davon über die Grenze gelangt. Ein Workshop hier. Ein Vortrag beim Seniorenkreis da. Der Ort als gesamtes ist aber nach wie vor nur in meinem Kopf. Ihm geht’s da gut. Ich besuche ihn oft. Gehe durch die Räume und Ideen, aus denen die Wände und Möbel bestehen. Finde hier und da kleine Stücke, die ich dann mitnehme in die Realität.

Und das ist der zweite Bruch:

Wenn wir heute von „Traum erfüllen“ sprechen, dann ist das meistens eine aktive Angelegenheit. Ich habe mireinen Traum erfüllt. Selten: Mir wurde dieser Traum erfüllt. 

Das gibt es auch, natürlich. Manche Träume oder Wünsche, die kann man sich selbst nur schlecht erfüllen. 

Über die, die aber in unserer Hand liegen, sagt Midge Maisel, die Hauptfigur der Serie Mrs. Maisel, etwas sehr kluges:

Ich will ein großes Leben.

Ich will alles erleben.

Ich will jede einzelne Regel brechen, die es gibt.

Die Leute sagen, Ambition ist an Frauen unattraktiv – vielleicht ist das so.

Aber wissen Sie, was wirklich unattraktiv ist? Herumsitzen und darauf warten, dass etwas passiert.

Aus dem Fenster starren und darüber nachdenken, dass das Leben, das man Leben sollte, irgendwo da draußen ist.
Ohne bereit zu sein, aufzustehen und durch die Tür zu gehen und sich dieses Leben zu holen, auch wenn jemand sagt, dass man das nicht kann.

Man kann das, was sie beschreibt, tatsächlich als Ambition bezeichnen. Ich würde es eher „Tat-Kraft“ nennen. Immer ein Stückchen aus dem Traum in die Realität transportieren. Eins nach dem anderen. Durch die Tür gehen und sich den Traum nach und nach herausholen, das Leben, das einem vorschwebt über die Schwelle bringen, es Realität werden lassen.

Einen großen Traum, eine Verheißung, die uns als Christinnen und Christen vereint, von der hat Jesus uns erzählt. Ein Ort, an dem es keine Tränen und keinen Schmerz mehr gibt. Ein Ort, an dem alle willkommen sind, genauso wunderbar wie sie gemacht sind. Ein Ort, an dem Zuneigung und Liebe aufblühen und Streit und Hass keinen Platz mehr haben. Das Reich Gottes.

Schauen wir uns in unserer Welt um, dann ist irgendwie klar, dass dieser Traum längst noch nicht in Erfüllung gegangen ist. Die Erfüllung steht noch aus.

Das Schöne an dieser Verheißung, diesem Traum ist: Er ist zwar noch nicht erfüllt, aber schon spürbar.  Einzelne Bruchstücke sind schon im Hier und Jetzt, haben die Grenze zwischen Traum und Realität überquert. Immer dann, wenn wir ein anderes Gotteskind als genau das ansehen. Immer dann, wenn wir uns verzeihen, wenn wir unsere Herzen groß machen für einen Neuanfang. Immer dann, wenn wir von Herzen sagen: Willkommen. Immer dann, wenn wir für Frieden einstehen. Immer dann, wenn wir dem Hass und dem Streit keinen Zentimeter Platz lassen. Dann nehmen wir ein Stückchen aus dem Traum-Reich Gottes mit hier hinein in unser Leben, in unsere Realität und machen es so ein Stück wahr.

Ich wünsche mir für diese Welt, für uns alle, dass wir viele Umzugshelferinnen und -helfer finden, die diese neue, diese bessere Welt mitbauen. Die mit Geistkraft und Mut Platz schaffen für das Leuchtende, für das Gute, das Schöne. 

Eine davon, die Sängerin Soffie, tut das mit wirklich schöner Musik und das Lied über ein Land, in dem immer Frühling ist, möchte ich Ihnen zum Abschluss mitgeben: 

Soffie – Frühling

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